Editorial 5/2011: Freundliche Absichten überwiegen

Ralf Mayer am 20.05.2011

Die Zinsen sind niedrig, Geld ist international billig zu haben. Gleichzeitig haben steigende Gewinne und Margen die «Kriegskassen» vieler Unternehmen gefüllt. Der relativ stabile Aufwärtstrend an den Börsen macht zudem Unternehmensaktien als zusätzliches Zahlungsmittel neben «cash» wieder attraktiv: Dieser finanztechnische Treibstoffmix ist ideal geeignet, um das Übernahme- und Fusionskarusell in der globalen Wirtschaft auf Touren zu bringen. Im Fokus stehen verstärkt auch Unternehmen der Chemie- und Life-Sciences-Industrien. Dabei unterscheiden sich die Deals zum Teil extrem, sowohl was die «freundliche» oder «unfreundliche» Gesinnung der Käufer als auch was die industrielle Logik anbetrifft.

 

So erscheint die Übernahme der Süd-Chemie durch Clariant als gut durchdachter Expansionsschritt, mit dem Clariant seine Konturen als Spezialchemiekonzern sinnvoll schärfen kann (Seite 11). Den Fokus auf Spezialitäten verstärken will auch die belgische Solvay durch die Übernahme der französischen Rhodia (Seite 10).

 

Weil sich die Portfolios der Fusionspartner weitgehend ergänzen, stehen die Vorzeichen auf profitables Wachstum ohne Kahlschlag bei den Arbeitsplätzen. Ein strategisches Konzept ist auch hinter der geplanten 6,4 Milliarden Dollar schweren Akquisition der dänischen Danisco, Spezialistin u. a. für Lebensmittelzusatzstoffe und Enzyme, durch Dupont erkennbar. Der US-Konzern betrachtet Danisco als sinnvolle Erweiterung seiner biotechnologischen Aktivitäten. Gerade auf dem sich entwickelten Sektor der industriellen («weissen») Biotechnologie sind demnächst weitere Transaktionen zu erwarten.

 

Den aus Schweizer Sicht derzeit spektakulärsten Deal hat Synthes-Mehrheitsaktionär Hansjörg Wysss mit Johnson & Johnson eingefädelt. Der amerikanische Healthcare-Riese übernimmt den hochprofitablen Schweizer Orthopädie-Spezialisten Synthes für überaus «freundliche» 21 Milliarden Franken und macht Wyss damit «ganz nebenbei» zum reichsten Schweizer.

 

Als ganz und gar unfreundlich wird dagegen der Angriff der kanadischen Pharmagruppe Valeant auf den US-Konkurrenten Cephalon (Seite 11) wahrgenommen. Die Kanadier wendeten sich direkt an die Aktionäre von Cephalon, nachdem dessen Management das Angebot klar zurückgewiesen hatte – und setzten mit ihrem aggressiven Vorgehen sogar abgebrühte Finanzanalysten in Erstaunen. Für Verunsicherung sorgt der Vorstoss auch bei Mepha in Aesch. Cephalon hatte das Baselbieter Unternehmen vor einem Jahr übernommen und ein klares Bekenntnis zum Standort Aesch abgegeben. Ob Valeant einem aus seiner Sicht abgelegenen Schweizer Standort ebenso grosses Interesse entgegenbringen würde, muss bezweifelt werden.

 

 

 

Ralf Mayer,

Chefredaktor Chemieplus

ralf.mayer@azmedien.ch

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