Editorial 4/2011: «Megathema» Energie

Ralf Mayer am 07.04.2011

Der Reaktorunfall in Japan hat ein Dauerthema zum «Megathema» befördert: Die «Energiewende» schaffte den Sprung aus den Szenarienentwürfen einschlägiger Studien auf die politische Tagesordnung – und auf die Wahlzettel der Stimmbürger. Die Chemie plus hat dem Themenfeld Energie indes bereits vor dem Fukushima-Schock regelmässig Platz eingeräumt. Nicht zufällig, denn die Chemie spielt eine Schlüsselrolle in der Energietechnik. Beispielsweise trägt sie zur Entwicklung neuartiger Solarzellen (Artikel Seite 22) und zur Steigerung der Energieeffizienz durch isolierende Oberflächenmaterialien bei.

 

Spezialchemikalien waschen CO2 aus Kraftwerkschloten – CO2, das in anderen Pilotanlagen zu Produkten wie etwa Polymeren umgesetzt wird. Energiepolitische Entscheidungen zu spüren bekommt unter anderem der Chemiehandel (Round-Table-Gespräch, Seite 6). So werden die Preise für phosphorbasierte Chemikalien stark steigen, wenn der Anbau von Energiepflanzen für Biokraftwerke die Düngemittel-Nachfrage antreibt. Andererseits führte die Erhöhung der Steuer auf Biodiesel in Deutschland zu Einbrüchen bei den Chemikalien, die zur Biodieselproduktion benötigt werden. Auf eher skurile Aspekte der Energiedebatte weisen unser Glosseschreiber (Seite 21) und unser Cartoonist (Seite 98) hin.

 

Was die Energiedebatte anbetrifft, so mag man sich eine rasche Ent-Ideologisierung wünschen. Die Kernenergie – jedenfalls in Form von Grosskraftwerken auf Uranbasis – hat in Europa als Zukunftsoption wohl ausgedient. Aber nicht jeder bisherige Kernenergie-Befürworter ist ein auf Extraprofite fixierter Turbokapitalist. Und nicht jeder, der erneuerbaren Energien das Wort redet, ist ein ökologischer Träumer. Ganz und gar nicht. Gerade auch in der Schweiz verdienen Technologielieferanten für Solar- und Windenergie hartes Geld und beschäftigen tausende Arbeitskräfte.

 

In 150 Jahren – diese (kühne?) Prognose sei an dieser Stelle gewagt – wird der Hauptteil der Stromversorgung auf natürlichen Energieträgern wie etwa Wind, Wasser (Speicherwerke, Gezeiten usw.) und Sonne (Solarthermie, Photovoltaik usw.) basieren. Es ist schlicht und einfach vernünftig, die im Überfluss vorhandene Naturenergie in nutzbare Energie umzusetzen – und dies ohne dass (beim Prozess selbst) Abfall anfällt. Aber nicht alles, was als vernünftig erkannt wird, ist auch leicht zu machen.

 

Um die «Energiewende» herbeizuführen, sind immense Investitionen im privaten und staatlichen Sektor nötig. Mittelfristig dürfte Strom teurer werden. Neuartige Kraftwerke und der Ausbau der Netze erfordert teils markante Eingriffe in die Natur. Bereits überfällig ist eine ergebnisorientierte Diskussion über «Brückentechnologien», die beim Wegfall der Kernenergie zwangsläufig auf fossilen Brennstoffen basieren muss. Über solche Schattenseiten einer «grünen» Energiezukunft müssen die Bürger ebenso offen informiert werden wie über die Chancen. Dies geht nur, wenn ideologische Scheuklappen fallen.

 

 

 

Ralf Mayer,

Chefredaktor Chemieplus

ralf.mayer@azmedien.ch

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